Wie die Bürgermädchen einst die Unschuld verloren

Die jungen, blassen Bürgermädchen, die noch in weißen Blusen und halblangen Röcken durch die Parks flanierten und dabei kichernd erröteten, wussten ziemlich genau, dass es ihnen eines Tages blühen würde: sie mussten sich in die Liebe einführen lassen – und das bedeutete ihre "Unschuld zu verlieren", wie man damals sagte.

Wer der Moral der damaligen Zeit folgte, fühlte sich verpflichtet, bis zur Verlobung zu warten, doch flüsterten sich die jungen Mädchen auch damals schon zu, dass es vielleicht wichtig werden könnte, recht unterschiedliche Praktiken "solcher Sachen" kennen zu lernen. Manche hatte dazu Kontakte zu den Unterschichtmädchen, die ihrerseits wieder Männer kannten, die "ziemlich erfahren darin" waren – und in den zahlreich vorhandenen Ruinen trafen sich oft ganze Gruppen, um wenigstens zu sehen und zu spüren "wie es ging" – und die Mütter hatten alle Hände voll zu tun, die jungen Mädchen von solchen Orten des Lasters fernzuhalten.

Allerdings gab es zu jenen Zeiten auch bereits auf den Lyzeen und Gymnasien einzelne Schülerinnen, die ihre erste sexuellen Erfahrungen mit 15 oder 16 Jahren machten – und sie hatten oft auch keine Scheu, ihre peniblen gutbürgerlichen Klassenkameradinnen auf ihre Weise in die Liebe einzuführen – Fahrten in Landheime mit Übernachtungen boten den idealen Ort, um sich nachts davonzuschleichen und eigene Wege zu gehen.

Für die Mutigen war es auch möglich, Kontakte mit Künstlern und Intellektuellen aufzunehmen, die auch schon damals einen etwas lockeren Lebenswandel pflegten. Hier konnte sich die junge 50-er Jahre-Dame leisten "durch manche Hände" zu gehen – solange sich die Dinge im Verborgenen abspielten und sie nicht schwanger wurde.

Wer dies heute liest, wird lächeln – aber damals galt es, den Schein zu wahren und die gesammelten Erfahrungen erst im Ehebett wieder zum Leben zu erwecken – und merkwürdigerweise hat nie ein ehemann jener Zeit danach gefragt, woher die eigene Frau solche Fähigkeiten wohl hatte.